Montag, 11. März 2013

Jutta Hartmann-Metzger: "Rembrandt van Rijn (1606 - 1669)"

Rembrandt im Alter von 23 Jahren (Selbstbildnis 1629)

Am 15. Juli 1606 wird Rembrandt Harmenzoon van Rijn als vorletztes von 10 Kindern des Mühlenbesitzers Hamen Gerritszoon van Rijn und seiner Frau Cornelia in Leiden (heutige Provinz Süd-Holland) geboren. Der Zusatz "van Rijn" deutet die Rheinnähe an, in der sich der gut florierende Mühlenbetrieb befindet. Die nicht mehr ganz jungen Eltern sind zu diesem Zeitpunkt bereits 17 Jahre verheiratet und vom katholischen Glauben zum Calvinismus konvertiert.

Die Familie Rembrandts tählt zu den wohlhabenden Bürgern dieser Stadt. Er wird mit 7 Jahren auf die Lateinschule geschickt; während seine anderen Geschwister Handwerksberufe erlernen. Mit 14 Jahren schreibt er sich als Student der Philosophischen Fakultät an der Universität Leiden ein.

Das barocke Leiden ist zu Beginn des 17. Jahrhunderts Zentrum der Textilfertigung, und die Universität ist das Zentrum der niederländischen Geisteswelt. Bereits im 16. Jahrhundert entsteht in Leiden eine Malerschule. Sie ist wohl die bedeutendste ihrer Zeit in Holland. Ihr wichtigster Vertreter war Lucas van Leyden (1490 bis 1533), der sich traditionellen, religiösen Themen widmete und den Stil der Feinmalerei entwickelte. Ein Stil, in dem auch der junge Rembrandt malt, allerdings ein Jahrhundert später.

Außerdem verleiht Rembrandt später seinen Bildern durch diagonal einfallendes gebündeltes Licht eine neuartige Dramatik und Unmittelbarkeit. Diese Technik ist auf die revolutionäre Malweise des Italieners Caravaggio (1571 bis 1610) zurückzuführen. Es entstehen - neben der großformatigen Historienmalerei (Vertreter: Rubens) nach dem italienischen Vorbild - auch die Malerei der mittleren und kleineren Formate, die sich aufgrund calvinistischer Glaubenshaltung stärker mit biblischen Themen befasst.

Noch während seiner Studienzeit erkennt Rembrandt sein künstlerisches Talent. 1622 beginnt seien dreijährige Lehrzeit beim Leidener Maler Jacob van Swanenburgh. 1625 entscheidet sich Rembrandt als Assistent von Pieter Lastmann, einem berühmten Historienmaler, nach Amsterdam zu ziehen. Für seine Motive wählt Lastmann als Hintergrund italienische Landschaften mit biblischen oder antiken Themen im Vordergrund.

Rembrandts Frühwerk "Die Steinigung des Stephanus" (entstanden 1625 - heute in Lyon im "Musée des Beaux Arts") ist auf den Einfluss Lastmann's zurückzuführen. Nach ca. 6 Monaten verlässt Rembrandt ihn - zusammen mit Jan Lievens - um sich mit diesem in Leiden selbständig zu machen. Kaum angekommen, melden sich auch schon erste Schüler, um bei den beiden Malern in die Lehre zu gehen.

So entsteht für beide eine gesicherte Einnahmequelle. Rembrandt arbeitet intensiv an physiognomischen Studien - vereinfacht: Gesichtsausdrücke und Stimmungen, die sich in der Körperhaltung ausdrücken. 1629 bekommt das Leben beider Künstler eine entscheidende Wendung: durch den Besuch von Constantijn Huygens, einem Musiker, Dichter und Privatsekretärs des Statthalters, Prinz Frederick Hendrick von Den Haag.

Rembrandt - bereits über die Stadtgrenzen Leidens bekannt - erhält von C. Huygens Aufträge vom Hof in Den Haag. Darüber hinaus nimmt Rembrandt 1631 Kontakt zu Hendrijk van Uylenburgh, einem Kunsthändler aus Amsterdam, auf, der ihm ein Atelier in Amsterdam verschafft und ihm eine Reihe von Aufträgen vermittelt. Dabei handelt es sich meist um Porträts wohlhabender Handels- und Kaufmannsfamilien.

Die Anatomie des Dr. Tulp (1632)

In dieser Zeit entsteht ein faszinierendes Gruppenporträt der Ärztegilde in Amstterdam mit dem Titel "Die Anatomie des Dr. Nicolaes", dessen Auftraggeber Dr. Tulp selbst ist. Es hängt heute im Mauritshuis in Den Haag. Das Gemälde zeigt Dr. Tulp am Seziertisch - umgeben von Ärzten und Mitgliedern der Stadtverwaltung,.

Im Hause des Kunsthändlers Huygens lernt er auch dessen Nichte Saskia kennen. Eine Romanze beginnt, deren krönender Abschluss die Heirat am 22. Juni 1634 bildet. Die Bildnisse Saskias geben Einblicke in die tiefe und intensive Bindung der Eheleute. Durch den Verkauf seiner Gemälde und die Mitgift seiner Frau wird Rembrandt fast über Nacht ein reicher Mann.

Da er sich öffentlich nicht zu einer bestimmten Religion bekennt, malt er sowohl für Calvinisten, Katholiken, Mennoniten als auch für Juden. Die Bürger Amsterdams wünschen sich zwar ein einfaches, geordnetes Leben, aber der Überfluss an Gütern aller Art nimmt zu. Die Kolonialherrschaft der Niederlande erreicht ihren Höhepunkt z.B. durch die Gründung der Niederländisch-Ostindischen Handelskompanie. Aber nicht nur Wohlstand halten Einzug, sondern auch die Rattenplage wird zum Thema und somit die Pest.

Die Blendung des Simon (1636)

Das wohl drastischste Werk Rembrandts entsteht: "Die Blendung des Simon" - heute im Städtischen Kunstinstitut in Frankfurt am Main. Das Ehepaar erwirbt ein kostspieliges zweistöckiges Haus zum Preis von 13.000 Gulden (heute etwa 240.000 Euro). Das Glück scheint vollkommen. Das wohl berühmteste Gemälde "Die Nachtwache" findet seine Vollendung und gehört zu den bedeutendsten der euröpäischen Malerei des 17. Jahrhunderts.

Der verlorene Sohn im Bordell (Rembrandt und Sakia 1636 - 1638)

Geschwächt durch drei Geburten und die Tragik des frühen Todes dieser Kinder, erkrankt Saskia kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Titus - nach monatelangem, qualvollem Sterben - verstirbt sie am 14. Juni 1642. Sie wird in der Oude Kerk im linken Seitenschiff in Amsterdam beigesetzt. Später wird Rembrandt diese Grabstätte aus Kostengründen verkaufen. Ihre Leiche wird umgebettet in die Westerkerk.

Noch auf dem Sterbebett macht sie Titus zum Alleinerben ihres Vermögens und Rembrandt zu dessen Treuhänder. Sie bestimmt im Testament, dass Rembrandt unverheiratet bleiben muss, ansonsten soll er ihre mit in die Ehe eingebrachte Mitgift zur Hälfte an ihre Familie zurückzahlen. Rembrandts Abstieg beginnt - aber nicht nur persönliche Schicksalsschläge und mangelnde Aufträge, sondern auch aufwendige Lebensführung und der Hang, sich mit exotischen Dingen zu umgeben, beeinflussen diesen wirtschaftlichen Niedergang. Er besitzt u. a. ein Rhesusaffen-Weibchen, für das er aufwendige Kostüme schneidern lässt.

In der holländischen, calvinistischen Gesellschaft galt die Aufgabenteilung: Geld zu verdienen war Männersache, die Organisation des Haushalts und die Erziehung der Kinder oblag ausschließlich der Ehefrau. Holländische Frauen hatten in der Regel die Schule besucht. Sie waren bekannt für die zärtliche Zuwendung, mit der sie die Familie umgaben. Chronisten berichten immer wieder von "Vollblutfrauen".

Rembrandt steht also vor einer Menge von Problemen, die er teilweise dadurch löst, in dem er die Witwe eines Trompeters als Kinderfrau in sein Haus aufnimmt. Sie kommt aus der Provinz Seeland, ist Analphabetin, von recht derbem Wesen, aber gesund und tatkräftig. Ihr Name ist Geertghe Dircx. Mit ihr beginnt er eine  - für die Amsterdamer Gesellschaft - ausgesprochen skandalöse Beziehung. Sie wird seine Geliebte. Er verliert immer mehr Aufträge und somit an Ansehen. Selbst einige seiner Schüler verlassen das Atelier.

Langsam erlischt sein Interesse an der alternden Geertghe, und er wendet sich der jungen Henrickjs Stoffel, einer Dienstmagd in seinem Haus, zu. Geertghe verklagt ihren Ex-Geliebten und Brötchengeber und verlangt die Einlösung eines angeblichen Eheversprechens. Rembrandt holt zum Gegenschlag aus und klagt sie des unberechtigten Besitzes von Schmuck aus Sakias Nachlasses an.

Am 23. Oktober 1649 wird das Urteil gefällt. Rembrandt muss Geertghe jährlich 200 Gulden zahlen und sie selbst kommt ins Gefängnishospital in Gouda - einer Form der heutigen Psychiatrie (Sicherheitsverwahrung). Sie hatte noch im letzten Moment versucht, Bilder und Atelier in Brand zu setzen.

Das "Bildnis der Danae" findet 1654 seine Vollendung. Seit 1636 hat Rembrandt es mehrfach überarbeitet. Es ist in der Eremitage in St. Petersburg ausgestellt, wo es erst 1998 wieder vollständig restauriert werden konnte. Es wurde Opfer eines Psychopathen, der das Bild mit einer mit Säure gefüllten Flasche bewarf. Einige Bilder Rembrandts gelangten über Zar Peter den Großen von Holland nach St. Petersburg.

Ab 1650 wendet sich Rembrandt verstärkt der Landschaftsmalerei zu und auch einige wenige Stilleben entstehen. Auch seine neue Geliebte, Henrickje Stoffels, wird in verschiedenen Positionen bildlich festgehalten. Aber Rembrandt entfernt sich immer mehr vom Zeitgeschmack. 1654 bekommen der Maler und sein Modell eine gemeinsame Tochter, die Cornelia genannt wird.

Henrickje im Fluss badend (1655)

Wirtschaftlich steht Rembrandt vor unlösbaren Problemen, die dazu führen, dass die Behörden das Vermögen des Künstlers in eine Inventurliste aufnehmen. Dabei handelt es sich um 363 Objekte (Gemälde, Radierungen, Zeichnungen), die für lächerliche 600 Gulden versteigert werden. Auch das Haus kommt unter den Hammer.

Rembrandt hängt in rührender Liebe an Titus.  Dieser gibt ihm Mut in diesen trostlosen Tagen. Titus erinnert in seinber Zartheit an seine Mutter Saskia und hat das Maltalent seines Vaters geerbt. 1663 trifft Rembrandt ein neuer Schicksalsschlag: Henrickje stirbt an der Pest. Rembrandt stürzt sich in eine neue Schaffensphase. Es entstehen Werke, wie "Die Judenbraut" und "Der Selbstmord der Lucrezia". Er beginnt sich an Tizian zu orientieren.

Als Titus , inzwischen ein junger Mann und zum Nachfolger seines Vaters herangewachsen, volljährig wird, hat er endlich Zugang zu seinem Anteil des mütterlichen Erbes. Am 10. Februar 1668 heiratet er seine Cousine Magdalenen van Loo. Dieses Glück währt nicht lange, denn Titus stirbt im
September des gleichen Jahres. Er hinterlässt eine Tochter mit dem Namen Tizia. Aber das kleine Mädchen hat kein Glück. Nach dem Verlust des Vaters wird ihr auch schon bald die Mutter genommen.

Rembrandt lebt nun mit seiner Tochter Cornelia - jetzt 15 Jahre alt - und der Enkelin in qualvoller Einsamkeit. Noch einmal erlebt er eine kurze Schaffensperiode, die Werke wie "Die Heimkehr des verlorenen Sohnes" oder Selbstbildnisse hervorbringen. Sein Motto seiner letzten Tage lautet: "Das Leben ist vergänglich, allein die Kunst bleibt".

Selbstbildnis mit Palette und Pinseln (1665)

1669 stirbt ein wahrhaft großer Meister! Noch heute sind seine Werke überall auf der Welt in Museen und Galerien zu finden. Zum Beispiel im Rijksmuseum in Amsterdam, in den Staatlichen Museen Berlins, im Mauritshuis in Den Haag, in der Gemäldegalerie in Dresden, in Londons National Gallery - nicht zu vergessen die Eremitage in St. Petersburg, die Alte Pinakothek und in New York dasw Metropolitan Museum of Art - um nur einige zu nennen. Für das Hannoversche Umland bietet sich in Kassel das Staatliche Museum und in Braunschweig das Anton-Ullrich-Museum an.

Weiterführende, übersichtliche Literatur gibt es in jeder guten Buchandlung in Ihrer Nähe. Ich hoffe, Sie hatten Spass daran, mir in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zu folgen und Rembrandt van Rijn zu begegnen.



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