Donnerstag, 19. August 2010

VENEZUELA - von Caracas zum Maracaibosee!

Seit meiner ersten Südamerika-Reise (siehe Reisebericht "ARGENTINIEN - Land meiner Träume") waren über 3 Jahre vergangen.Und es hatte sich bei mir in der Zwischenzeit einiges geändert: kurz nach der Rückkehr aus Argentinien wechselte ich von der Firma KRUPP Chemieanlagenbau in Essen zu einer kleineren Ingenieur-Firma für Molkerei-Anlagen nach Ettlingen bei Karlsruhe. Damit wechselte ich auch von der Chemie-Industrie in die Molkereiwirtschaft (Spezialgebiet: Eindampfanlagen) und war als verantwortlicher Projektingenieur für die Planung, den Verkauf und die Inbetriebnahme dieser Anlagen zuständig. Neben Irland und England galt meine Verantwortung auch für die südamerikanischen Länder, die ich teilweise bereits kannte.

Im Rahmen einer mehrwöchigen Reise nach Venezuela, Kolumbien und Mittelamerika lernte ich einen ganz anderen Teil Südamerikas kennen, der vor allen Dingen durch eine drückende, feuchtwarme Hitze gekennzeichnet war (insbesondere am Maracaibosee). Obwohl ich erst zum Wochenbeginn, am Montag, den 20. Oktober 1975, zu unserer Baustelle am Maracaibosee in Venezuela fliegen sollte, reiste ich schon am Freitagabend, den 17. Oktober, nach Caracas, um mich zu akklimatisieren. Am frühen Samstagmorgen landete ich auf dem Flughafen Maiquetia "Aeropuerto Internacional Simon Bolivar". Dieser liegt auf Meereshöhe an der Karibik-Küste. Die Hauptstadt Caracas befindet sich auf ca. 960 m Höhe in einem Tal der nördlichen Küstenkordillieren und kann nur durch einen Paß auf 1.040 m Höhe des Avila-Gebirges erreicht werden. (Reisetipp "El Avila") Für den Transport ins Stadtzentrum nutzte ich ein Taxi - nicht ohne vorher den Fahrpreis (10 US-$) ausgehandelt zu haben. Wanderer können dem alten Muli-Pfad der Spanier folgen. Bilder "El Avila-Gebirge"

Caracas wurde 1567 von den Spaniern gegründet. Obwohl in der trockenen und heißen Zone gelegen, ist das Klima sehr angenehm (max. 25 grd. C im Juli - August und 12 grd. C im Januar - Februar). Die Nächte sind immer sehr angenehm kühl. Im Jahre 1810 erhob sich Caracas unter der Führung von Simon Bolivar gegen die spanische Kolonialherrschaft. In der Folge wurde Caracas zu einem der Zentren im Freiheitskampf. Nach der entscheidenden Schlacht Simon Bolivars am 24. Juni 1821 bei Carabobo (bei Valencia - ca. 130 km westlich von Caracas gelegen) gegen die Spanier erhielt Venezuela die Unabhängigkeit und 1831 wurde Caracas die Hauptstadt von Venezuela. Am 17. Dezember 1830 starb Simon Bolivar in Kolumbien. Der Leichnam Simon Bolivars wurde später in seine Geburtsstadt Caracas überführt. In Argentinien, Chile und Peru war der große General San Martin (viele Plätze sind dort nach ihm benannt) der Befreier vom Joch der Spanier. Im nördlichen Teil von Südamerika übernahm Simon Bolivar diese heroische Aufgabe. Simon Bolivar ist in Caracas geboren und liegt dort im Pantheon National aufgebahrt. Am Plaza Bolivar, dem Zentrum von Caracas, befindet sich das bronzene Reiter-Denkmal von Simon Bolivar.

Auf der morgendlichen Taxifahrt auf den mehrspurigen Schnellstraßen (Cota Mil) durch Caracas konnte ich sehr schnell einen Eindruck von Caracas gewinnen. Die Avila-Bergkette mit mehreren Berggipfeln stellte unübersehbar die nördliche Begrenzung zur Karibik dar. Der Pico (Gipfel) Silla de Caracas (Stuhl von Caracas) hat eine Höhe von 2480 m. Alexander von Humboldt (Reisetipp "Alexander von Humboldt") bestieg ihn 1799 während seiner Venezuela-Reise, um mit einem wertvollen und schweren Barometer die genaue Höhe des Berges zu messen. Auf die Avila-Bergkette kann man im Zentrum von Caracas mit einer Seilbahn (El Teleferico de Caracas) gelangen, die 1956 bis 1957 von dem Deutschen Ernst Haeckel (Saarbrücken) gebaut wurde.

Das angenehme Klima war sehr beeindruckend und die Blütenpracht faszinierend. Allerdings störte der laute Autoverkehr und die zahlreichen Autobahnen, die durch das Stadtgebiet führen. Überrascht wurde ich auch von den vielen Elendshütten, die an den Hängen der Avila-Bergkette als ein Zeichen großer Armut zu sehen waren. Nach meinen bisherigen Informationen sollte Venezuela als Erdölförderland (am Maracaibosee) doch ein reiches Land sein! Aber im Rahmen meiner Reise ins Landesinnere Venezuelas wurde ich eines Besseren belehrt.

Das moderne Caracas war dagegen sehr beeindruckend. Und meine Ankunft im vornehmen Stadtteil Altamira veränderte wieder mein Bild von Caracas. Das Hotel la Floresta, das unser örtlicher Vertreter, Herr Rosenkilde, für mich reserviert hatte, war geradezu ideal für meine "Eingewöhnung", da es ruhig und doch zentral lag. Nach einigen Stunden Schlaf rief mich Herr Rosenkilde an und vereinbarte mit mir den gemeinsamen Besuch mit seiner Familie im seinem Internationalen Club am Nachmittag. Weiterhin erfuhr ich von ihm, wie ich am Einfachsten zu den bereits beschriebenen Sehenswürdigkeiten von Caracas gelangen konnte.
Mit der Metro fuhr ich in westlicher Richtung zum Universitätsgelände und stieg an der Station "Capitolio" aus. Auf dem Rückweg musste ich an der Station "Altamira" aussteigen, um wieder zu meinem Hotel La Floresta zu gelangen. Mit der Metro-Station "Capitolio" war ich in der Nähe des Ausstellungsgebäudes "Capitolio National" mit der goldenen Kuppel, in dem als monumentales  Wandgemälde die Schlacht von Carabobo mit dem Sieg Simon Bolivars über die Spanier am 24. Juni 1821 dargestellt ist. Von dort war es nicht weit (in nördlicher Richtung) zum Plaza Bolivar mit dem Reiterdenkmal "Simon Bolivar". (Reisetipp "Simon Bolivar") Dort fotographierte ich überraschend ein schwarzes Einhörnchen, das gerade hinter einem Baumstamm verschwand. Das Pantheon National mit der aufgebahrten Leichnam Simon Bolivars lag ebenfalls in der Nähe. Dies habe ich aber aus Zeitgründen nicht besucht. Bilder "Caracas und Umgebung"

Nach diesen imposanten Eindrücken über die Befreiungsgeschichte Venezuelas begab ich mich wieder zurück zum Hotel, denn dort wollte mich Herr Rosenkilde mit seiner Familie für den Besuch seines privaten Clubs abholen. Es war eine sehr interessante Anlage mit Swimming Pool, Tennisplätzen und anderen Freizeitmöglichkeiten. Nur gegen eine beträchtliche Club-Gebühr konnte man hier Mitglied werden. Ich hatte Herrn Rosenkilde bereits bei einem seiner Besuche in Deutschland in meiner Firma kennengelernt. Da ich als Projektingenieur auch für das Land Venezuela zuständig war, lud ich Herrn Rosenkilde zu einem gemeinsamen Abendessen ein, an dem auch meine damalige Frau ULLA teilnahm. In dieser entspannten Atmosphäre konnte ich einige persönliche Dinge von ihm erfahren.

Er war ein Däne und pendelte zwischen Europa und Venezuela. Auf der dänischen Ostsee-Insel Samsoe besaß er einen Bauernhof. Als junger Molkerei-Ingenieur war er nach Venezuela ausgewandert, um dort unter sehr primitiven Umständen Milchverarbeitungsanlagen aufzubauen. Damals schlief er noch in Hängematten in der Wildnis. Später übernahm er die Vertretung von europäischen Anlagen-Lieferanten, die er regelmäßig besuchte (so kam unser Kontakt zustande). Als wir uns trafen war er sicher vermögend (siehe Club-Mitgliedschaft) und besaß auch ein einmotoriges Flugzeug. Ich erzählte ihm von meinen Plänen, vor der Antillen-Insel Bonaire (sie liegt vor der Küste Venezuelas) zu tauchen. Er wollte mich im Rahmen meines Besuches nach Bonaire fliegen.

Leider wurde daraus aus zeitlichen Gründen nichts, denn ich musste bereits am Sonntag, den 19.10.1975 (Falschinformation) bzw. am Montag, den 20.10.1975, weiter zur Baustelle am Maracaibosee fliegen. Erst sieben Jahre später (1982) ging mein Taucher-Wunschtraum in Erfüllung (siehe meinen Reisebericht "BONAIRE - paradiesisches Schnorcheln und Tauchen!"). Bonaire Es gab noch ein weiteres, denkwürdiges Erlebnis: nach dem interessanten Besuch seines privaten Clubs lud mich Herr Rosenkilde am Abend noch zum Besuch des "Russischen Staatszirkus" ein, der gerade in Caracas gastierte. Damals fiel mir die Begeisterung seiner kleinen Tochter auf. In den Jahren 1981/82/83/84/85 verbrachte ich mit meiner Familie die Sommerferien auf der Insel Samsö. Dort konnten wir im Sommerhaus dänischer Freunde wohnen und mit deren Ausrüstung im Jahre 1981 das Windsurfen lernen. In Gouda/Holland (dort arbeitete ich seit 1980 als Technical Manager für NIRO ATOMIZER) kaufte ich mir anschließend eine eigene Surf-Ausrüstung und verbrachte sehr viel Zeit mit meinem Sohn Jochen auf den "Reeuwijksche Plassen" (eine größere Seen-Platte bei Gouda).

Zehn Jahre später  erinnerte ich mich an Herrn Rosenkilde in Venezuela und an seinen Bauernhof auf der Insel Samsö. Er lag nicht allzuweit von unserem Sommerhaus bei Maarup an der Nordspitze dieser Insel (bei Nordby). Während unseres letzten Samsö-Urlaubes im Jahre 1985 (mein Vater war mit seinem Dackel Percy dabei) besuchte ich den Rosenkilde-Bauernhof. Der Vater war in Venezuela - aber seine Tochter, mit der ich den "Russischen Staatszirkus" in Caracas besucht hatte, kam an die Türe. Sie konnte sich aber nicht mehr an mich erinnern.

Dies sind Vernetzungen und weltweite Kontakte, die es in meinem Leben immerwieder gegeben hat. So entstand die Freundschaft mit Finn und Randi, in deren Sommerhaus auf Samsö wir immer gerne wohnten, während meiner beruflichen Tätigkeit für die internationale Ingenieur-Firma NIRO ATOMIZER A/S in Kopenhagen (1977 bis 1982). Da ich sehr oft mit dänischen Ingenieur-Kollegen um die ganze Welt gereist bin, lernten wir uns auch privat näher kennen und schätzen. Ich denke dabei insbesondere an Hans Justesen, der in jungen Jahren als Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer gekämpft hat. Als ein Koordinations-Ingenieur in Kopenhagen gesucht wurde, wurde ich von den dänischen Kollegen empfohlen. Ich zog mit meiner Familie nach Dänemark und habe es nie bereut, denn es war eine sehr schöne und entspannte Zeit. Da ich sprachbegabt bin, lernte ich innerhalb eines halben Jahr die dänische Sprache - was meinen dänischen Arbeitskollegen sehr imponiert hat.
Doch nun wieder zurück zu meiner ersten Reise nach Venezuela! Von dem privaten Club, der im Süden der Hauptstadt lag, hatte man einen guten Blick auf die Avila-Gebirgskette im Norden von Caracas.  Mir fielen auch die wolkenverhangenen Berggipfel auf. Dort wollte ich unbedingt hin und die Aussicht auf Caracas genießen. Dies war relativ einfach mit der bereits beschriebenen Seilbahn im Stadtzentrum möglich. Die Bergstation ist in der Nähe des Humboldt-Hotels, das zum Zeitpunkt meines Besuches leider nicht genutzt wurde. Diese Wolken, die ich bereits von der Club-Anlage gesehen hatte, waren leider immer noch vorhanden und erschwerten den Blick auf Caracas. Trotzdem konnte man sehr gut die weitverzweigten Stadtautobahnen (Cota Mil) erkennen. Ein Hinweis auf die feuchte Atmosphäre in dieser Höhe von über 2.000 m fanden sich an den Baumstämmen, die von Baumflechten überzogen waren. Ein Blick auf die karibische Seite war leider nicht möglich, da die Wolken alles verdeckten.

Dieser Samstag (18. Oktober 1975) in Caracas war wirklich voller interessanter Eindrücke, die mir auch heute noch (beim Verfassen dieses Reiseberichtes im April 2010) gegenwärtig sind. Allerdings helfen mir auch die DIA-Aufnahmen (mit den entsprechenden Hintergrund-Informationen) meiner Reisen, die ich in zahlreichen Vorträgen in Senioreneinrichtungen gezeigt habe. Auch die Nacht auf den Sonntag, den 19. Oktober 1975, hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Kurz vor dem Sonnenaufgang wurde ich wach und entdeckte draußen einen blutrot angelaufenen Himmel. Ganz langsam kam im Osten die Sonne zum Vorschein und ich erkannte erstmals die nähere Umgebung. Diese "Sonenaufgangs-Sequenz" habe ich fotographiert und bildet einen wichtigen Teil meines DIA-Vortrages "Impressionen bei Nacht und in der Dämmerung" (Sonnenauf- und -untergänge rund um die Welt aufgenommen).
Von einer Mitarbeiterin aus dem Rosenkilde-Büro hatte ich die "Falschinformation", dass mein Flugzeug zum Maracaibosee am Sonntag, den 19. Oktober 1975 fliegen sollte. Als ich am Nachmittag zum Flughafen kam, teilte man mir mit, dass es am Sonntag keinen Flug gäbe. Dies wäre erst am Montag, den 20. Oktober 1975, möglich. Diesen Flug reservierte ich und mietete mir ein Auto, da ich mir an der Karibik-Küste ein Hotel in der Nähe des Flughafens suchen wollte. Dies fand ich sehr schnell in Macuto: das Sheraton Macuto Resort. Die Karibik-Küste dort fand ich enttäuschend (allerdings war der Himmel bewölkt). Ich hatte ein anderes Bild im Kopf! Auf meiner anschließenden Weiterreise von Costa Rica nach Nicaragua entdeckte ich meine Trauminsel: San Andres (gehört zu Kolumbien und liegt vor der Küste Nicaraguas). Ich verbrachte dort ein kurzes Wochenende und es gelangen mir herrliche Stimmungsbilder.

Wie bestellt hatte ich für den Inlandsflug nach Valera herrliches Flugwetter. Der Himmel war nahezu wolkenlos und es gelangen mir sehr schöne Flugbilder. Dies hing auch damit zusammen, dass das zweimotorige Flugzeug nicht allzu hoch flog. Schon der Start vom Flughafen in Maiquetia war atemberaubend, denn das Flugzeug flog eine Rechtskurve und ich konnte den Hafen La Guaira mit seinen zahlreichen Schiffen sehr deutlich erkennen. Er liegt direkt neben dem Ort Maiquetia. Danach lag an der Küste Macuto, wo ich im Sheraton Macuto Resort übernachtete. Der Karibik-Küste in westlicher Richtung folgend überflog den Hafen von Puerto Cabello mit einigen vorgelagerten kleinen Inseln. Dann ging es landeinwärts und die Landschaft zeigte sich ausgetrocknet und bergig.
Wie ich bereits in meinem Argentinien-Reisebericht für die Ankunft in Buenos Aires (am 16. April 1972) schrieb, war auch hier in Venezuela am Flughafen von Valera (am 20. Oktober 1975) niemand von meiner Firma anwesend, der mich abholte. Es galt also die Taxifahrt über eine Entfernung von ca. 80 km zur Baustelle in Caja Seca (am Maracaibosee) zu organisieren. Der ältere Taxifahrer muss über diese Extra-Tour sicherlich einen "inneren" Freudensprung gemacht haben. Bei meiner Ankunft auf der Baustelle erfuhr ich, dass unser Monteur unterwegs nach Valera war, um mich abzuholen. Mit der richtigen südamerikanischen Gelassenheit (no hoy, manana, manana..) stellte so etwas überhaupt kein Problem dar.
Nun war ich also in der "trockenen (und sehr heißen) Schachtel" - das ist die deutsche Übersetzung für den Ort Caja Seca an der Pan Americana - angekommen. Zur Pan Americana sind noch einige Erklärungen erforderlich! Die ursprüngliche Route beginnt an der Prudhue Bay in Alaska und folgt der Westküste der USA durch Mittelamerika und weiter der Anden-Gebirgskette von Nord nach Süd bis Puerto Mont in Chile folgend. Casa Seca (Reisetipp "Maracaibosee") liegt an einem Zweig, der am Hafen La Guaira (bei Caracas) beginnt und bis nach Bogota in Kolumbien führt. Der Grenzort in Venezuela, San Antonio de Tachira, liegt unterhalb des Maracaibosees. Bei Tulua in Kolumbien erfolgt die Anbindung die ursprüngliche Pan Americana. Bilder "Maracaibosee"

Hier erlebte ich einen richtigen Kulturschock! Es war schwülheiß, überall schmutzig und die Arbeit in der Molkerei-Anlage sehr anstrengend. Insbsondere der Weg zum Kühlturm, der auf dem Dach des mehrstöckigen Gebäudes (ohne Fahrstuhl) stand, entwickelte sich zu einer richtigen Strapaze. Dafür war die Aussicht von oben sehr interessant. Und sehr schnell entdeckte ich neben der Fabrik INLATOCA einen jungen Obstverkäufer, der frische Orangen auspresste. Der Orangensaft schmeckte hervorragend und war ein ausgezeichneter Durstlöscher - allerdings nur für kurze Zeit.

Abends - nach Sonnenuntergang - war es angenehm kühl. Das war dann die Zeit für einen oder mehrere "Cuba libre" (Cola mit Rum und Eiswürfeln). Obwohl ich aus Gesundheitsgründen kein Leitungswasser trank, fiel mir irgendwann ein, dass die Eiswürfeln wohl auch Leritungswasser hergestellt wurden. Ich habe alles ohne Komplikationen überstanden. Mein Unterkunft fand ich im Hotel Zulia auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Dort entsprach alles dem niedrigsten Stand - selbst die Klima-Anlage, die schrecklich lärmte. Das Essen im Restaurant war akzeptabel. Nur als am nächsten Morgen die Hauskatzen sich die Essensreste von den zurückgelassenen Tellern auf den Tischen holten, verschlug es mir den Appetit (siehe "Kulturschock"!). Vor abendlichen Spaziergängen durch das dunkle Caja Seca wurde wegen der Schlangengefahr gewarnt.

Bei meiner Ankunft in der Baubude in Caja Seca gab es eine interessante Begegnung: Noch vor meiner Abreise in Deutschland hatte ich erfahren, dass ein dänischer Inbetriebnahme-Ingenieur namens Knudsen auf der Baustelle anwesend sei (die gesamte Anlage zur Milchpulver-Herstellung bestand normalerweise aus einer Eindampfanlage - mein Verantwortungsbereich - und einem Sprühturm - Verantortungsbereich des dänischen Ingenieur-Kollegen). Als ich ihn erstmals sah, war die Überraschung groß, denn ich kannte ihn bereits von Inbetriebnahmen in Irland und England unter dem Namen "Vestergaard". Das Rätsel war sehr schnell gelöst, denn die Dänen haben aufgrund der Häufigkeit ihrer Einzelnamen Doppelnamen: Vestergaard-Knudsen. Dieser mir bereits bekannte Däne teilte mir also mit, dass unser Monteur Wellerdiek zum Flughafen Valera (in 80 km Entfernung) gefahren sei, um mich abzuholen.

Bereits in Caracas hatten mich die großen Unterschiede zwischen arm und reich verwundert. Hier in Caja Seca gab es eigentlich nur Armut, Schmutz und Dreck. Der Reichtum durch das Erdöl, das in der Nähe im Maracaibosee gefördert wurde, war hier auf jeden Fall noch nicht angekommen. Bananen bzw. Bananenstauden haben mich auf meinen Reisen immer fasziniert. Hier lernte ich sehr große Bananen kennen, die als Koch-Bananen dienten. Der nahegelegene Maracaibosee lockte zwar zum Baden - das war aber wegen der möglichen Amöben im Wasser für uns Europäer nicht zu empfehlen. Anderseits stank das Wasser sehr nach Erdöl und war sehr warm.


Am Ufer des Maracaibosees lernte ich einen weiteren privaten Club kennen. Ohne Einladung konnte ich als Europäer die Bar besuchen (mehr gab es nicht). Am Eingang wurden wir (Wellerdiek, Vestergaard-Knudsen und ich) aber vom Wachpersonal mit zwei Revolvern im Halfter kritisch beäugt. Uns war nicht ganz wohl zu Mute. Interessant war ein kleines Dorf am Maracaibosee, wo unter großen Palmen nur Farbige lebten. Sie waren sicherlich Nachkommen von Sklaven, die nach Venezuela verbracht wurden.

Nach einer Woche war die Inbetriebnahme unserer Anlage fast vollständig abgeschlossen (unser Monteur Wellerdiek blieb noch) und ich konnte meine Südamerika-Reise fortsetzen. In Caja Seca hatte ich einen netten, jungen Japaner kennengelernt, dem ein kleines Kaufhaus gehörte. Dieser nahm mich am Montag, den 27. Oktober 1975, in seinem Auto mit zum Flughafen von Maracaibo. Von dort flog ich wieder nach Caracas, um am selben Tag nach Bogota in Kolumbien weiterzureisen.

Ein Jahr später gab es ein Wiedersehen am Maracaibosee. Diesmal begleitete mich ein jüngerer, dänischer Kollege, namens Vagn Vestergaard, auf einer mehrwöchigen Südamerika-Reise (22. August bis 19. September 1976). Nach interessanten Vorträgen, die wir über unsere jeweiligen Fachgebiete an der Universität Valdivia in Chile gehalten hatten, flogen wir über Peru (mit einem Zwischenstopp in Lima) und Kolumbien wieder nach Venezuela. Der Besitzer der INLATOCA-Fabrik, Mr. Straziota, holte uns am Flughafen Valera am Freitag, den 10. September 1976, mit seiner einmotorigen CESSNA ab. Wir flogen in niedriger Höhe über die Landschaft am Maracaibosee und vieles konnte ich aus dem Flugzeug (Reisetipp "Flugzeug") wieder erkennen und fotographieren. Am Markantesten war natürlich das hohe INLATOCA-Gebäude mit dem Sprühturm und der Eindampfanlage. Mr. Straziota landete mit seiner CESSNA auf einem Stoppelfeld direkt neben seinem großen Mercedes mit Klimaanlage. Das war alles sehr imponierend! Allerdings fand dies alles in einer der heißesten Ecken von Venezuela statt, wo sich Hund und Katz Gutenacht sagen.

Da wir bei ihm übernachteten gab es nach dem geschäftlichen Teil seine Produktionsanlage betreffend, noch reichlich Zeit für private Gespräche. Mr. Straziota war italienischer Abstammung und kam in den 50ern mit seinem Boot über den Atlantik nach Venezula, Da es damals um den Maracaibosee keine Straßen gab, verdiente er sein erstes Geld mit Passagiertransporten über den See. Zu unserer Zeit lebte er in Caracas und pendelte nach Caja Seca, wo er eine Milchpulver- und Käseproduktion aufbaute. Am Sonntag, den 12. September 1976, reisten wir weiter nach Costa Rica. Selbstverständlich flog uns Mr. Straziota wieder nach Valera. Meine Bilder von damals zeigen mir, dass dies ein sehr wackliger Flug mit einer unsanften Landung gewesen sein muß. In Verbindung mit meinem Tauch-Urlaub 1982 in der Karibik (siehe Reisebericht "BONAIRE - paradiesisches Schnorcheln und Tauchen!") Bonaire war ich nochmals in Venezula - allerdings nur im Rahmen eines Zwischenstopps auf dem Flughafen Maiquetia.

Fotos und Text: Klaus Metzger

Siehe auch BILDBAND:
(VENEZUELA - Caracas zum Maracaibosee)
 BILDBAND:
(IMPRESSIONEN bei Nacht...)
 BILDBAND:
(Unterwegs mit dem Flugzeug)


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