Donnerstag, 9. Juni 2016

1. Ein Flug in das Herz Südafrika's

Nach der Nilkreuzfahrt in Ägypten (Jahreswechsel 2003/2004), dem Safari-Urlaub in Kenia (2009) und den Erlebnissen in Marokko (2012) wollten wir im Oktober 2015 ein weiteres Land des großen afrikanischen Kontinents bereisen: SÜDAFRIKA. Der Nachtflug von Frankfurt nach Johannesburg dauerte 10,5 Stunden und war mit dem ausgezeichneten Service der SAA angenehm zu ertragen.

Wieso stellt die weitere Umgebung von Johannesburg das Herz von Südafrika dar? Es gibt doch schönere, südafrikanische Städte, wie Durban oder Kapstadt: Es ist die besondere Geschichte, die sich  die Buren (sie stammten meist von niederländischen, sowie von deutsch- und französischsprachigen Siedlern ab) gegenüber den Engländern in mehr als 200 Jahren erkämpfen mußten.

1652 kamen die ersten Siedler aus Europa zum Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze von Südafrika. Deren friedliche Situation änderte sich mit der Ankunft der Engländer, die ab 1795 im Verlauf der Napoleonischen Kriege vorübergehend das Kap besetzten. Danach wechselten mehrmals die Besitzverhältnisse und 1814 traten die Niederlande die Kolonie endgültig an Großbritannien ab.

Die Buren protestierten gegen die britische Verwaltung, die 1833 die Sklaverei verbot. Damit waren die alteingesessenen Siedler nicht einverstanden. Da sie angeblich ohne Sklaven ihr riesiges Farmland nicht mehr bewirtschaften konnten, verließen 6.000 Buren das Kap und zogen Richtung Norden (er ging als "Großer Treck" in die Geschichte ein).  Es war auch die britische Übermacht, mit denen die meisten Buren nicht zurechtkamen.

Der Weg der "Voortrekker" führte durch Feindesland und es kam immerwieder zu Auseinandersetzungen mit den Ureinwohnern. Nach der entscheidenden Sieg über die Zulu am "Blood River" gründeten die Eroberer am 16. Dezember 1838 die Burenrepublik Natalia, 1842 den Oranje-Freistaat. Danach entstanden bis 1844 die Burenrepubliken Winburg-Potchefstroom, Zoutpansberg, Utrecht und Lydenburg (auf der Busfahrt zum Krüger Nationalpark haben wir hier einen kurzen Stopp eingelegt).

Unter Präsident Marthinus Pretorius schlossen sich diese vier Republiken bis 1860 zur Südafrikanischen Republik - auch Transvaal genannt - mit der Hauptstadt Pretoria zusammen. In der Verfassung wurden erstmals  Gesetze der Rassentrennung festgeschrieben. Im Jahre 1877 besetzten die Briten Transvaal. Es kam  1880/81 zum Burenaufstand, der auch als der Erste Burenkrieg bezeichnet wird. Er endete 1881 mit dem Frieden von Pretoria und der Unabhängigkeit der Südafrikanischen Republik, wobei jedoch den Briten eine Mitsprache bei der Außenpolitik eingeräumt wurde.

Von 1883 bis 1902 war Paulus "Ohm" Kruger Präsident Transvaals. Er hatte deutsche Wurzeln und gründete als betroffener Großwildjäger den Krüger Nationalpark, um die wilden Tiere vor dem Aussterben zu schützen. In der britischen Kapkolonie regierte von 1890 bis 1896 sein Gegner Cecil Rhodes als Ministerpräsident. Er bereitete die Eroberung der Burenstaaten im Zweiten Burenkrieg (1899 bis 1902) vor. Dieser zwielichtigen Persönlichkeit, die im Alter von 48 Jahren 1902 starb, werden wir auf unserer Reise noch mehrmals begegnen.

Denkmal Ohm Kruger vor dem KRUGER Nationalpark

Zum Zweiten Burenkrieg Großbritanniens gegen die Südafrikanische Republik und den Oranje-Freistaat kam es 1899 bis 1902. Nach Anfangserfolgen der burischen Armee verloren die Buren den Krieg gegen die militärisch überlegenen Briten. Deren rücksichtsloses Vorgehen (unter anderem mit der Internierung der Familienangehörigen der Buren in Konzentrationslagern) zwang die Buren zur Aufgabe. Im Frieden von Vereeniging/Transvaal (1902) verloren die Burenrepubliken ihre Selbstständigkeit. Die Verwendung des Niederländischen wurde in Schulen und vor Gerichten erlaubt.

1907 gestand Großbritannien den ehemaligen Burenrepubliken die Selbstverwaltung zu und 1910 bildeten die Kapkolonie, Natal, Transvaal und der Oranje-Freistaat die Südafrikanische Union als Dominion im Britischen Empire: wahlberechtigt waren nur Weiße und einige wohlhabende Nicht-Weiße. 1925 wurde Afrikaans neben Englisch als zweite offizielle Amtssprache in der Südafrikanischen Union. eingeführt.

Der spätere englische Premierminister, Winston Churchill, war während des Zweiten Burenkrieges als Kriegsberichterstatter für die Morning Post in Südafrika dabei. Die Buren führten einen Guerilla-Krieg und ließen dabei auch britische Militärzüge entgleisen. In einem dieser Züge befand sich auch ein Zivilist: Winston Churchill. Man brachte ihn ins Gefängnis nach Pretoria. Es gelang ihm die Flucht über 500 km nach Mosambik. Unterwegs versteckte er sich in einem Bergwerk. Mit dem Schiff fuhr er zurück nach Großbritannien. Detailliert sind diese Zusammenhänge in dem interessanten Buch ("Tod am Kap" von Martin Bossenbroek) beschrieben.

Der Grund für das Interesse der Briten an den burischen Provinzen Transvaal und Oranje-Freistaat waren die wertvollen Bodenschätze. Um 1880 wurde in den östlichen Gebieten des damaligen Transvaal um Barberton und Pilgrim's Rest (wir fuhren auf unserem Weg zum Krüger Nationalpark dort vorbei) Gold gefunden. 1886 entdeckten Goldgräber weitere Vorkommen am Witwatersrand (westlich von Pretoria) , die sich schließlich als ein Teil der größten Goldlagerstätte der Welt erweisen sollten.

Die beträchtlichen Goldfunde veranlassten Cecil Rhodes (seit 1890 Premier der britischen Kapkolonie), die Eroberung der Burenrepubliken Oranje-Freistaat und Transvaal voranzutreiben. Zu diesem Zweck stachelte er 1895 die britischen Einwanderer in Transvaal, denen bisher das Wahlrecht verweigert worden war, zu einem Aufstand an. Von britischer Seite sollte die Rebellion von einer 600 Mann starken Truppe unter der Führung des Rhodes-Vertrauten Jameson unterstützt werden.

Denkmal Cecil Rhodes im Company's Garden (Kapstadt)

Es gelang jedoch dem Präsidenten von Transvaal, Ohm Kruger, die Erhebung niederzuschlagen und die Invasoren zur Aufgabe zu zwingen. Die Rebellen wurden gefangengenommen und zum Teil getötet. Sehr zum Missfallen der Briten gratulierte der deutsche Kaiser Wilhelm II. Kruger mit der in die Geschichte eingegangenen "Krüger-Depesche" zu seinem Erfolg. Erst im Rahmen des 2. Burenkrieges gelang den Briten die Eroberung der Provinzen Transvaal und Oranje-Freistaat (wie ich es bereits beschrieben habe).

Aufgrund der wertvollen Bodenschätze, die auch heute noch im Transvaal (heute: Gauteng) gewonnen werden, kann diese Region immer noch als das Herz Südafrika's bezeichnet werden. An der Entwicklung der südafrikanischen Stadt Johannesburg - im Zentrum dieser Provinz gelegen - kann man dies sehr gut erkennen. Die Stadt wurde als kleine Goldgräber-Siedlung und Zeltstadt am 4. Oktober 1886 gegründet. Mit der Entdeckung des Goldes wanderten Tausende Arbeiter und Glücksritter aus dem Vereinigten Königreich, der Kapkolonie und anderen Ländern in die burischen Gebiete ein und ließen sich in Johannesburg nieder.

Innerhalb von zehn Jahren wuchs die Stadt auf über 100.000 Einwohner heran. Der ökonomische Wert dieses Landstriches stieg rasant, was zu Spannungen zwischen den Buren, die während des 19. Jahrhunderts die Herrschaft über die Region hatten, und den Briten führte, die ihren Höhepunkt im Zweiten Burenkrieg zwischen 1899 und 1902 fanden. Die Buren verloren den Krieg und auch die Kontrolle über die Südafrikanische Republik an die Briten. Diese ebneten den Weg für den organisierten Bergbau.

1948 wurde von der südafrikanischen Regierung ein strenges Rassensystem, die Apartheid, eingeführt. Die Zuwanderung von Schwarzen und Indern wurde streng reglementiert. Die schwarze und farbige Bevölkerung wurde gezwungen, in nach Rassen getrennte Gebiete, die zuvor von der weißen Regierung oft willkürlich festgelegt wurden, umzuziehen. Dadurch entstanden riesige Barackensiedlungen, die sogenannten Townships rund um Johannesburg, von denen Soweto (C) (kurz für: South Western Townships) das bekannteste ist. Hier lebte auch Nelson Mandela viele Jahre; sein Haus in Orlando ist heutzutage eine Touristenattraktion. (Reisetipp "Wohnhaus von Nelson Mandela") Zudem wurde der nicht-weißen Bevölkerung verboten, qualifizierte Arbeiten anzunehmen, und zahlreiche Schwarze, etwa aus Basutoland (heute: Königreich Lesotho), mussten als Wanderarbeiter in Johannesburgs Goldminen arbeiten. Bilder "Soweto"

Bemalte Kamine in Soweto

Nach diesen geschichtlichen Hintergrundinformationen war es spannend, sich als interessierter Tourist ein Bild über die Situation im "Herzen Südafrika's" zu machen. Wir fuhren deshalb ohne Pause vom Flughafen Johannesburg (A), wo wir gegen 7 Uhr 30 (nach einem entspannten Nachtflug) ankamen, mit dem Bus nach Pretoria (B) (Entfernung ca. 65 km). Es war Frühlingszeit, was man an den zahlreichen, blühenden Jacaranda-Bäumen vor dem Rathaus und weiteren Plätzen in der Stadt erkennen konnte. (Reisetipp "Jacaranda-Bäume in Pretoria")

Jacaranda-Bäume vor dem Union Building

Eine weitere Station unserer Besichtigungstour war das Union Buildings, das auf einer Anhöhe liegt, und in der Zeit vom Juli bis Dezember als Regierungssitz dient (die restliche Zeit tagen die Abgeordneten in Kapstadt). Das komplexe Gebäude entstand 1910 bis 1913 und hat eine Länge von über 275 m. 1994 wurde hier Nelson Mandela als der erste schwarze Präsident der Republik Südafrika vereidigt.
Vor dem Union Buildings überraschte uns die große Statue von Nelson Mandela. Die Verehrung für den am 5. Dezember 2013 im Alter von 95 Jahren verstorbenen ersten Präsidenten der Republik Südafrika (ohne Apartheid) ist im ganzen Land immer noch allgegenwärtig. Dies soll die über 9 m hohe Statue ausdrücken, die umgerechnet 560.000 Euro gekostet hat und am 16. Dezember 2013 (dem Versöhnungstag) eingeweiht wurde. (Reisetipp "Statue Nelson Mandela") Sie ausgestreckten Arme der Nelson Mandela Statue sollen eine Aufforderung an das südafrikanische Volk sein, sich zur "Regenbogen-Nation" zu vereinigen (Bilder "Nelson Mandela Statue").

Nelson Mandela Statue in Pretoria


Nachdem ich später auf der Rundreise durch Südafrika die große Armut in den Townships kennengelernt, einiges über die hohe Arbeitslosigkeit unter den Farbigen erfuhr und wir von der Reiseleitung immerwieder vor den Kriminellen in Durban und Kapstadt (insbesondere nachts) gewarnt wurden, fragte ich mich, was Nelson Mandela für die Menschen in Südafrika erreicht hat? Genaugenommen recht wenig! Er lebte vom Nimbus seiner 27-jährigen Inhaftierung als Gefangener der südafrikanischen Regierung. Nach seiner Freilassung 1990 ließ er sich auf seinen weltweiten Reisen feiern. Schließlich wurde er 1993 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der US-Präsident Barack Obama hat ihn 2009 bekommen. Aber haben sich beide wirklich um den Frieden in der Welt verdient gemacht?

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland hat mich Thema "Nelson Mandela" weiterhin interessiert (da ich darüber auch schreiben wollte). Und ich fand nun auch einige kritische Betrachtungen, die mich in meinem Eindruck bestärkten. Besonders interessant fand ich den Artikel von Andreas Müller "Die dunkle Seite von Nelson Mandela" im Feuerbringer-Magazin. Irgendwie hat für mich die Verehrung  von Nelson Mandela etwas Verdrängendes, denn ursprünglich war er ein ANC-Terrorist, der im Rahmen des Rivonia-Prozesses (Oktober 63 bis Juni 64) in Pretoria zum Tode verurteilt weden sollte. Nur seine eindringliche Rede, die vom bewaffneten Kampf für die Gleichbehandlung und gegen die repressiven Gesetze handelte, rettete ihm und seinen Mitgefangenen das Leben. Am 12. Juni 1964 wurden die verbliebenen acht Angeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt.







































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