Samstag, 4. September 2010

Sommerferien 1954 - alleine mit dem Zug nach HANNOVER!

Eis auf dem Hohnsen in Hildesheim
Sehr gut kann ich mich an die ersten Besuche meiner Tante Margot (die Schwester meiner Mutter), Onkel Heinz und der kleinen Christiane (sie war am 21. Januar 1947 geboren) im Mai 1949 bei uns in Brühl in der Wilhelmstrasse erinnern. Ich empfand sie als sehr streng und mißachtete ihre Versuche, mich erziehen zu wollen: "Wenn Du nicht brav bist, dann kommst zum Oetchen - sollte wohl Schweinchen heißen!" Einmal gingen wir zusammen zu Herrn Stadler um die Ecke, um bei ihm Spielzeug zu kaufen. Sein Haus befand sich am Meßplatz. Zu dieser Zeit verkaufte er seine Spielzeuge gewissermaßen im Wohnzimmer. Später richtete er sich in Schwetzingen einen großen Spielzeugladen ein. Sein Sohn war ein Freund von mir.
Familienbesuch in Brühl

Bei einem Spaziergang durch mein Heimatdorf Brühl entstand das Foto vor dem Denkmal. Onkel Heinz war offensichtlich der Fotograf. Als mir kürzlich meine Cousine Malli (Tante Margots zweite Tochter - geboren am 12. August 1949) zahlreiche Erinnerungsfotos zuschickte, hat mich dieses frühe Foto aus meiner Jugendzeit (ich war ca. 4,5 Jahre alt) mit dem "knappen" Trachtenjanker belustigt. Neben mir steht mein Bruder Bernd, der damals 2 Jahre alt war. Da ich mir über den Ort der Aufnahme nicht ganz sicher war, habe ich die Web-Seite meines Heimatdorfes Brühl überprüft und fand ein Foto von dem Denkmal. Man kann auf dem Bild auch sehr gut erkennen, dass es sich neben der Evangelischen Kirche im Brühler Zentrum befindet.

Das heutige Kriegerdenkmal

Onkel Heinz hatte die Baufirma seines Vaters in Groß-Giesen (heute Giesen) bei Hildesheim übernommen und konnte sich nach der Währungsreform 1948 schon einen großen, schwarzen Mercedes leisten. Das imponierte mir und die Ausflüge in die nähere Umgebung waren für mich ein Freudenfest. An einen größeren Ausflug nach Speyer mit dem Dom kann ich mich sehr gut erinnern. Wir fuhren über den Nachbarort Ketsch (dort wohnten die Brüder meines Vaters, Erich und Kurt, mit ihren Familien). Wenn wir kein Auto zur Verfügung hatten (wenn uns niemand besuchte) legten wir die Strecke von 4 km zu Fuß zurück. Das war damals üblich. Fahrräder für alle gab es noch nicht.
Der Rhein bei Speyer (1954 ohne Brücke)

Die Brücke über den Rhein nach Speyer existierte noch nicht. Wir mußten mit der Fähre den Rhein überqueren. Nach der Besichtigung das Doms fuhren wir auf der linksrheinischen Seite bis zur Kollerinsel, um mit der dortigen Fähre wieder auf die andere Rheinseite in Richtung Brühl überzusetzen. Unterwegs gab es Picknick und wir drei Kinder konnten uns richtig austoben. Die Kollerinsel gehörte noch zur Gemeinde Brühl, obwohl sie auf der linken Rheinseite lag. Zehn Jahre später war diese Insel und die angrenzenden Altrhein-Arme mein Revier für meine ausgedehnten Kanu-Touren. Meistens war ich alleine unterwegs und genoß die Einsamkeit - leider nicht ohne die "Schnaken-Plage". Seit meiner Bodensee-Radtour besaß ich ein Zelt, einen Schlafsack und eine aufblasbare Luftmatraze. So konnte ich mir eine kleine Insel in einem der Rhein-Arme aussuchen, wo ich übernachtete wie "Robinson Crusoe". In den Altrhein-Armen gab es keine Strömung, da diese durch einen Damm vom Rhein abgetrennt waren. So gelangte ich "stromaufwärts" fast in Sichtweite des Speyerer Doms. Dort setzte ich mein Boot in den Rhein und lies mich ca. 8 - 10 km stromabwärts bis zu unserem Bootshaus gegenüber der Kollerinsel treiben. Dies war ein herrliches Gefühl - ich mußte nur auf entgegenkommende Schiffe (wie auf dem Foto "Der Rhein bei Speyer") achten. Da unser Bootshaus rechtsrheinisch lag, paddelte ich bei meinen Ausflügen auf dem Altrhein-Arm an Ketsch vorbei und setzte dann auf die andere Rheinseite in einen anderen Arm über. Wegen der starken Strömung war dies Unternehmen sehr gefährlich und erforderte einen größeren Krafteinsatz.
Der Dom zu Speyer
Aber nun wieder zurück in meine frühe Jugendzeit! Im April 1954 feierte ich meine Erstkommunion und war stolz auf meine Armbanduhr, die ich als Geschenk bekam. Kurz vorher waren wir in unser neues Haus von der Wilhelmstrasse in die Brühler Siedlung (Silcherstr. 19) gezogen.Von Elfriede, der "Archivarin" der Familienbilder in Stralsund, erhielt ich kürzlich ein verschollenes Gruppenbild von meiner Kommunion. Auf der Rückseite fand ich folgendes Datum: 17. April 1955 (also fand meine Kommunion ein Jahr später statt als ich bisher gedacht hatte). Über Elfriede und ihre ausgezeichnete "Sammelarbeit" habe ich in meinem Reisebericht "August 1964 - meine erste Reise nach Stralsund (DDR)" geschrieben. Stralsund 

Nach mehreren Besuchen bei uns, entschied Tante Margot mit meiner Mutter Mutter, dass es für mich Zeit sei, die Sommerferien 1954 (ich war damals 9,5 Jahre alt) in ihrem Haus in Groß-Giesen zu verbringen. Dazu mußte ich aber mit dem Zug von Mannheim nach Hannover fahren. Dort würde ich von Onkel Heinz mit dem Auto abgeholt werden. Meine Klassenlehrerin, Fräulein Fischer, wollte zu diesem Zeitpunkt auch Richtung Hannover fahren und mich begleiten. Daraus wurde nichts. Ich konnte mich also alleine in das Abenteuer stürzen. Auf jeden Fall muß ich fast während der gesamten Fahrt aus dem offenen Fenster gesehen haben. Da mein Abteil direkt hinter der Dampflokomotive lag, hatte ich ein rabenschwarzes Gesicht - was meine pingelige Tante Margot garnicht erfreute.
Der Autor als Kommunionskind (1955)
Über die Autobahn kamen wir sehr schnell nach Groß-Giesen, wo Onkel Heinz sich ein großes Haus mit einem schönen Garten und kleinem Teich gebaut hatte. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es in dem kleinen Teich Frösche oder Wasserschildkröten. Irgendetwas war mit den Steckdosen, die einen großen Reiz auf uns ausübten. Zu meinen bereits bekannten Cousinen waren Margot (geboren am 15. Oktober 1951) und die kleine Daggi (geboren am 26. März 1954) hinzugekommen. Sonntags wurden wir Älteren zu einer besonderen Kino-Vorstellung gefahren. Man zeigte uns den amerikanischen "Raketenmann". Wegen eines Pilzgerichtes hatte ich mit Tante Margot eine ausgiebige Diskussion, denn ich wollte die Pfifferlinge nicht essen. Für meinen Geschmack rochen diese "nach Mäusen". Aber sonst war dies eine sehr schöne Zeit mit vielen Abenteuern im angrenzenden Wald. Mit dem Sohn einer Bekannten von Tante Margot durchstreifte ich den Wald und wir endeten sehr oft am Giesener Teich, wo man damals noch baden konnte (obwohl er sich im Manöver-Gebiet der Engländer befand). Heute ist der Teich vollständig zugewachsen.
Der ehemalige Giesener Teich
Ich kann mich auch an einen größeren Ausflug nach Duderstadt mit dem Mercedes über die Autobahn erinnern. Onkel Heinz hatte dort einige geschäftliche Dinge zu erledigen und wir durften mitfahren. Unterwegs erzählte uns Tante Margot die Geschichte, wie Duderstadt zu seinem Namen gekommen sein soll: Im Stadtrat war man sich unschlüssig und jeder sagte dort zu dem anderen "Gib Du der Stadt den Namen!" So soll "Duderstadt" entstanden sein.

Alles war für mich so entspannt, dass ich von den dunklen Wolken, die sich über meinem Ferien-Domizil zusammenbrauten, absolut nichts mitbekam. Obwohl ich vier Wochen bleiben sollte, waren aus mir unerklärlichen Gründen meine Ferien bereits nach zwei Wochen um und ich wurde einfach wieder nach Hause geschickt. Groß waren die Erklärungsnöte meinen Brühler Freunden gegenüber, warum ich bereits nach zwei Wochen zurückgekommen sei. Später erfuhr ich nach und nach die Gründe. Durch Veruntreuungen von zwei Mitarbeitern kam Onkel Heinz mit seiner Firma in finanzielle Schwierigkeiten. Er entschloß sich bei Nacht und Nebel nach Stralsund (DDR), wo seine Schwiegereltern (meine Oma und mein Opa) lebten, zu flüchten (aus heutiger Sicht eine Panik-Reaktion). Später ließ er Tante Margot mit den Kindern nachkommen. Die Möbel durften sie mitnehmen. Das Haus mußte er zurücklassen. Es kam in die Konkurs-Masse.

Der Kaliberg bei Giesen (2008)
Das ehemalige Haus in Giesen
Im Mai 2008 besuchte uns Kurt (76). Er ist der Cousin meiner verstorbenen Mutter und lebt heute in Augsburg. Er hat die Stralsunder öfters besucht und war daran interessiert, wie Onkel Heinz und seine Familie in Groß-Giesen gelebt haben. Das Haus war fast noch so, wie Onkel Heinz es zurückgelassen hat und ich es in Erinnerung habe. Imposant war der riesige Kaliberg vor der Haustüre. So hatte ich ihn nicht in Erinnerung. Der bekannte deutsche Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger, Günter Grass, hat dort nach dem Kriege gearbeitet und darüber in seinem Buch "Die Blechtrommel" geschrieben. Spannende Abschnitte dieses Buches spielen auch in Danzig-Langfuhr. Dort hat der Autor (geboren 1927) in seiner gelebt und sein Vater besaß einen Kolonialwarenladen. Erst wohnte Günter Grass im Kastanienweg 5a und später im Labesweg 13. Meine Mutter (geboren am 28. Juni 1923) ist im St.Michaels Weg 22 (in der Nähe der Blindenanstalt) aufgewachsen. Ob sie im Kolonialwarenladen eingekauft und vielleicht den jungen Grass gekannt hat?
Stadtplan von Danzig-Langfuhr
Vor Beginn eines neuen Lebensabschnittes (Studienbeginn) besuchte ich im Sommer 1964 mit dem Zug über Hamburg zum erstenmal unsere Verwandten in Stralsund. Wie ich bereits schrieb, lebte nun auch Onkel Heinz mit seiner Familie dort in der DDR. Opa Felix und Oma Grete wohnten im Dänholm-Block, wo Opa als Hausmeister arbeitete. Im meinem 4. Reisebericht (Thema: "Reisen meiner Jugend") werde ich ausführlich darüber berichten. Für Tante Margot (die DANZIGERIN in der Familie) hatte ich "Die Blechtrommel" durch die DDR-Kontrollen geschmuggelt. Darauf war ich richtig Stolz. Nun bestand die Familie aus 7 Personen, denn in der Zwischenzeit war Bübi (geboren am 26. Januar 1957) dazugekommen. Leider kam er später bei einem Verkehrsunfall ums Leben.
Besuch in Stralsund (1964)
Ich brachte erfolgreich das Ingenieurstudium der Verfahrenstechnik hinter mich und machte Karriere bei mehreren Firmen im In- und Ausland. Zahlreiche Reisen führten mich rund um die Welt (worüber ich in zahlreichen Reiseberichten geschrieben habe). Im Jahre 1982 machte ich mich als unabhängiger Beratender Ingenieur selbständig. Damals wohnte ich noch in Gouda/Holland, da ich bis zu diesem Zeitpunkt als Technical Manager für NIRO ATOMIZER Holland (eine Tochterfirma von NIRO ATOMIZER A/S in Kopenhagen, wo ich von 1977 bis 1980 tätig war) arbeitete. Es stand die strategische Entscheidung an: Norddeutschland (Hannover) oder Süddeutschland (München). Da ich mit meinen Kunden in der norddeutschen Molkereiwirtschaft besser klarkam, entschied ich mich für Norddeutschland.

Nun erinnerte ich mich an meine Zeit in Groß-Giesen (heute: Giesen) im Sommer 1954! Am 28. Mai 1983 war die Frühjahrsveranstaltung des Landesverbandes der Niedersächsichen Molkereiwirtschaft in Hildesheim. Ich nahm Kontakt mit der Schwester von Onkel Heinz auf, die in Groß-Giesen lebte. Meine Frau Ulla und ich wollten an der Tagung teilnehmen und suchten ein Quartier. Wir übernachteten bei der Tante. Die Veranstaltung begann um 15 Uhr im Veranstaltungszentrum "Berghölzchen". Es sprach auch der Hildesheimer Oberbürgermeister Gerold Klemke, den ich später näher kennenlernte. In einer Pause genossen meine damalige Frau und ich die herrliche Aussicht auf Hildesheim. Beide waren wir uns einig: "Hier wollen wir herziehen!"

Bungalow in der Falkenstr. 7
Im Frühjahr 1984 kaufte ich uns ein repräsentatives Haus mit der Möglichkeit, mein Büro als Einliegerwohnung einrichten zu können. Der Start in Hildesheim klappte hervorragend und relativ schnell konnte ich einen weltweiten Lizenzvertrag (am 12. April 1985) für meine Innovation "Kavitationsregelung" mit der Hamburger Pumpenfirma F. Stamp KG, Hamburg-Bergedorf abschließen. Und wieder bildeten sich dunkle Wolken über meinem Haus (wie bei Onkel Heinz 1954 in Groß-Giesen), die mein Leben völlig veränderten und 1989 zur Scheidung führten.
"Erfinderschicksal"



Unser Balkon in Hildesheim
Aber, wie das Leben so spielt! 1996 lernte ich Jutta kennen und lieben. Seit 1998 sind wir standesamtlich und seit 1999 kirchlich verheiratet. Gottes Segen ruht immer noch auf uns. Seit Ende 1998 leben wir in einem Mehrfamilien-Haus im 3.OG in Hildesheim-Itzum. Von unserem Balkon haben wir eine herrliche Aussicht. Wenn wir von unseren interessanten Auslandsreisen zurückkommen, freuen wir uns immer auf unser Glas Sekt als Willkommensdrunk auf dem Balkon (egal wie kalt es ist). Wie sagte kürzlich meine Cousine Malli in einem Telefongespräch: "Es ist schön, dass Du immer noch in HILDESHEIM wohnst!" Ich habe das Gefühl, dass sich hier "Lebenskreise" seit meiner Zugreise im Sommer 1954 nach Hannover geschlossen haben.

Fotos und Text: Klaus Metzger

Diesen Reisebericht finden Sie auch in meinem Buch:
"Abenteuer meines Lebens (Teil I)" (Reisen meiner Jugend)


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